Diese Art von westlicher Auffassung der Religion kann daher nur mit Gewalt auf die alten östlichen religionsphilosophischen Traditionen angewandt werden. Es wurde sogar geäußert, daß die drei Hauptvarianten der chinesischen Weltansichten ­ Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus ­ gar keine Religionen im westlichen Sinne des Begriffs sind, sondern vielmehr "drei Taos" oder "Wege" zu einem Ziel, dem Prinzip der Harmonie zwischen Yin und Yang.

Mit anderen Worten, es gibt viele Kulturen in der Welt, die trotz der Tatsache, daß sie in ihren jeweiligen Sprachen ohne "religio"-bezogene Vorstellungen ausgekommen sind, sehr religiös zu sein scheinen. Dies trifft insbesondere auf die nördlichen Kulturen in der alten und der neuen Welt zu, in denen wir praktisch tätig waren: Es werden animistische und schamanistische Rituale praktiziert, ohne sie als Religionen zu bezeichnen. Als typisches Beispiel dafür läßt sich die Aussage einer Nanay-Schamanin des Gebiets am unteren Amur im südöstlichen Sibirien anführen, die uns gegenüber 1994 gemacht wurde: "Christentum ­ das ist russisch. Wir haben nur unsere Schamanen".

Ein weiteres aktuelles Problem hat mit der Rolle der vielen gegenwärtigen funktionellen Alternativen zur Religion zu tun. Die neueste Weltgeschichte zeigt, daß die mit Kommunismus, Marxismus und Maoismus unternommenen Bemühungen, einen "nicht-religiösen" Staat bzw. eine "nicht-religiöse" Gesellschaft zu bilden, nicht sehr erfolgreich waren. Es hat sich gezeigt, daß der menschliche Verstand ganz eindeutig mehr an religiösen Angelegenheiten interessiert ist, als es bei den vorstehenden oder anderen materialistischen und anthropozentrischen Ideologien, die im vergangenen wie auch in diesem Jahrhundert aufkamen, angenommen wurde.
 

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