IV. Schlussfolgerungen
Wir stellen die folgenden Charakteristika fest:
1) Scientology besitzt Techniken, die dazu gedacht sind, einen Weg zur Freiheit im Sinne eines "gesunden Geistes in einem gesunden Körper" zu bahnen. L. Ron Hubbard und die Scientologen führen die Rationalisierung oder zweckmäßige Gestaltung religiösen Lebens und seine Instrumentalisierung sehr weit. Am meisten wurde Scientology zu Recht mit dem Buddhismus verglichen. Einige haben sie als "technologischen Buddhismus" bezeichnet. Andere wiederum haben aufgrund des systematischen Charakters des Auditings (geistliche Beratung) eine Ähnlichkeit mit dem Methodismus aufgezeigt.
2) Scientology befähigt den Anhänger, den kosmischen, historischen und persönlichen Geschehnissen einen Sinn zu geben, und sie bietet dem Gläubigen die Überzeugung, daß er die Lösung für sein persönliches Heil und das Heil der Menschheit in der Hand hält; sie befähigt die Einzelperson, in ihrem Leben Ursache und nicht die Wirkung externer Ursachen zu sein.
3) L. Ron Hubbard ist kein Prophet, der einen einer Offenbarung entstammenden Erlösungspfad behauptet; er erscheint vielmehr als ein spiritueller Wissenschaftler, der progressiv eine Erlösungsmethode eingerichtet hat, die einen Weg zur "Erreichung" darstellt.
4) Scientology stützt sich auf persönliche Erfahrung, von etwas mystischer Natur, und ermöglicht es, mit der eigenen spirituellen Natur Kontakt aufzunehmen. Sie impliziert eine "religiöse Virtuosität", d.h. ein gewichtiges persönliches Engagement. Somit ist sie keine Religion der Massenanbetung.
5) Scientology trägt die Charakterzüge einer Religion "dieser Welt", die an Soka Gakkai erinnert, bei der Geschäftserfolge, die auf ehrliche Art erzielt wurden, als ein Zeichen der positiven spirituellen Entwicklung angesehen werden. Man kann auch eine Parallele zwischen der Ethik der Scientology und der des traditionellen Protestantismus ziehen. Dort bezeugt der Erfolg in weltlichen Angelegenheiten einen Stand der Gnade, und im ersteren Fall ist sie das äußerliche Manifest dafür, daß die Person an ihrer Persönlichkeit arbeitet, ein Beleg für persönliche religiöse und moralische Kodizes, die im Prinzip einerseits aus psychologischen Befreiungstechniken bestehen, die das Individuum spirituell freisetzen, und andererseits aus der Anwendung eines sehr konkreten Moralsystems.
6) Obwohl die meisten ihrer Anhänger Scientology exklusiv praktizieren, handelt es sich bei Scientology nicht um eine Sekte, da sie nicht exklusiv ist; der Anhänger wird nicht gezwungen, sich von seiner früheren Religion loszusagen.
7) Ausweislich einer Broschüre, welche die Church of Scientology International anläßlich des 40. Jahrestags der Kirche im Jahre 1994 publizierte, wird der religiöse Charakter der Scientology-Kirche seit den frühen fünfziger Jahren geltend gemacht. Die in Los Angeles ansässige Church of Scientology International wird in dieser Broschüre als die Mutterkirche bezeichnet (so wie die Mutterkirche der Christlichen Wissenschafter in Boston). Die Broschüre behandelt die religiöse Gemeinde sowie eine religiöse Ordensgemeinschaft, geistliche Dienste und die gemeinnützige Arbeit der Kirche. Darüber hinaus machten die Scientologen während der letzten von uns durchgeführten Interviews mehr und mehr die religiöse Dimension geltend. Mit zunehmender Verkündung der religiösen Natur zieht die Scientology-Kirche mehr Leute an, die auf der Suche nach einer Religion sind, wogegen sie zu Anfang mehr Leute anzog, die ihre persönlichen Probleme lösen wollten. Mit der Entwicklung von Scientology wurde Dianetik mehr zum integrierten Teil des gesamten Fortschreitens.
8) Scientology enthält utopische Elemente: L. Ron Hubbard schuf das utopische Projekt der "Klärung des Planeten", das eine Gesellschaft anstrebt, die frei von Geisteskrankheit, Kriminalität und Krieg ist, in der die Fähigen gedeihen können, ehrliche Wesen Rechte haben, und in welcher der Mensch die Freiheit hat, zu Höherem aufzusteigen. Spontan angewandte Ethik (offene Bergsonsche Moral) würde alle Existenzfehler eliminieren, und durch die Wiedergewinnung der ursprünglichen Lebenskraft würde sich das Ethikniveau steigern lassen. Mit einer zunehmenden Anzahl von Scientologen würde die Welt besser werden.
9) Scientology entstand in den Rahmenbedingungen der Moderne. Diesen entnimmt sie bestimmte Elemente (technische Orientierung, gut formulierte methodische Ansätze, Wichtigkeit von Kommunikation, Wohlbefinden, Verständnis von Organisation, persönliche Erfahrung), die sie mit alten spirituellen Traditionen verknüpft hat.
L. Ron Hubbard und die Scientologen erweitern die Verwendung
eines Instrumentariums der Vernunft und stellen es in den Dienst eines
mystischen Weges, einer Selbsttransformation und einer Transformation der
Welt. Das ist sicher der Grund, warum die Scientology unter den Religionen
einzigartig scheint.
Régis Dericquebourg
La Madeleine
22. September 1995