Religionshistoriker erinnern uns daran, daß laufend „neue religiöse Bewegungen" aufkommen. Historiker verwiesen zum Beispiel auf das Amerika des 19. Jahrhunderts als ein Jahrhundert, in dem im ganzen Land „neue religiöse Bewegungen" auftauchten, oder auf das Japan des 20. Jahrhunderts insbesondere nach dem 2. Weltkrieg, wo ein ähnliches Phänomen zu beobachten war. Bei den meisten Fällen im Amerika des 19. Jahrhunderts handelte es sich um verschiedene Auslegungen des christlichen Glaubens, die nichtsdestotrotz „neu" waren. (Siehe dazu Mary Farrell Bednarowski, Neue Religionen und die theologischen Vorstellungen in Amerika, Bloomington, IN, 1989.) Es gab die Shaker und Quäker, die Mormonen und New Lights, Oneidians und die New Harmonians und Tausende andere. In Japan hatten die meisten der neuen religiösen Bewegungen, von denen die Sokka Gakkai die bekannteste ist, ihre Ursprünge im Buddhismus. Dies brachte manche Religionshistoriker zu der folgenden Schlußfolgerung: (i) daß neue religiöse Bewegungen zwar ständig auftauchen, im allgemeinen aber sehr kurzlebig sind. Meist entstanden sie um eine charismatische, prophetische oder offenbarende Person und verschwanden oft wieder innerhalb von 2-3 Jahren. Und (ii) die wenigen, die fortbestanden, wurden als vollständig legitime Traditionen anerkannt. Man betrachte zum Beispiel die Mormonen, die Christlichen Wissenschafter und die Siebenten-Tags-Adventisten, die alle angegriffen wurden, als sie im 19. Jahrhundert auftauchten, heute aber als „legitime" religiöse Gemeinschaften betrachtet werden. Die Bahai-Gemeinschaft ist ein nicht-nordamerikanisches Beispiel für dasselbe Phänomen, wie es die Sokka Gakkai mit ihren buddhistischen Wurzeln für Japan ist.
Religionssoziologen machten ebenfalls eine wichtige Beobachtung,
als sie feststellten, daß einer der Unterschiede zwischen früheren
neuen religiösen Bewegungen und jenen des späten 20. Jahrhunderts
in Nordamerika deren Platz in der Gesellschaft ist. Neue religiöse
Bewegungen entstehen typischerweise in den Randgruppen und benachteiligten
Teilen der Gesellschaft. Dieses Phänomen kann man sehr leicht erkennen,
wenn man durch die Ghettos der amerikanischen Städte geht (oder durch
die Slums Lateinamerikas oder die Siedlungen, die die Städte Afrikas
umgeben) oder die arme Landbevölkerung besucht. Dort entdeckt man
eine Reihe religiöser Gruppierungen, die nicht vertraut sind. In ihrem
sozialen Umfeld erhalten sie aber nicht sehr viel Aufmerksamkeit. Das neue
Element der religiösen Bewegungen des späten 20. Jahrhunderts
ist, daß sie eine andere Gesellschaftsschicht anziehen: Die Jugend
der Mittelschicht und der gehobenen Oberschicht. (Siehe dazu Bryan Wilson,
Der soziale Einfluß der neuen religiösen Bewegungen, New York,
1981.) Man kann sich leicht vorstellen, daß Eltern aus der Mittel-
und Oberschicht von Kummer geplagt werden, wenn sie erfahren, daß
ihr 25jähriger und Harvardabsolvent jetzt einem koreanischen Messias
folgt oder ihre 24jährige Tochter und Absolventin der Universität
von Toronto jetzt am Flughafen „Hare Krishna" singt. Aber aus der Geschichte
wissen, daß solche Reaktionen häufig auftreten, wenn sich erwachsene
Kinder neuen oder unkonventionellen religiösen Traditionen zuwenden.
Zum Beispiel wurde der Heilige Thomas von Aquin von seinen Eltern ein Jahr
lang gefangen gehalten, als er Dominikaner damals ein neuer Orden
werden wollte. Die jungen Erwachsenen, die von den populären
Religionen der 60er und 70er Jahre angezogen wurden, waren weder arm noch
Teil sozialer Randgruppen. Sie kamen aus dem Mittelstand und dem gehobenen
Mittelstand. Darüber hinaus waren diese Bewegungen gewöhnlicherweise
viel kleiner als in den Medien vorgerechnet wurde. In Kanada zum Beispiel
bewegten sich die Mitgliederzahl in vielen der neuen religiösen Gemeinschaften
eher in der Größenordnung von Hunderten oder Tausenden als in
den Zehn- oder Hunderttausenden, wie dies oft von den Gegnern dieser neueren
Gemeinschaften behauptet wurde. Dennoch wiesen einige Gruppen in Kanada
in der Tat größere Mitgliederzahlen auf.