Dies führte die moderne Religionswissenschaft dazu, eine weitere Dimension des religiösen Lebens, nämlich die rituelle Dimension, anzuerkennen. Zeremonien und Rituale sind formell vorgegebene Handlungen der religiösen Gemeinschaft, um die Verbundenheit mit den letztendlichen Dimensionen des Lebens zu erleichtern. In manchen chinesischen Traditionen wurden Riten als wesentlich zur Aufrechterhaltung der Weltordnung betrachtet und bestanden aus sorgfältig ausgeführten Veranstaltungen, die sich über mehrere Tage erstreckten. Manche religiösen Traditionen spielen die Rolle des Rituellen herunter, wie z.B. die Quäker, aber sogar sie betrachten die „Zusammenkunft in der Stille" als wesentliches Element ihrer Gemeinschaft. Obwohl die rituelle Dimension in den verschiedenen Traditionen sehr unterschiedlich ist ­ und sogar innerhalb einer bestimmten Tradition: Man vergleiche die rituelle Pracht der orthodoxen Christen mit der rituellen Schlichtheit in einer Mennoniten-Kirche ­ ist sie eine Dimension, die im religiösen Leben der Menschheit existiert.

Die Elemente Glaube, Praktik und Ritual stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern werden im Leben der religiösen Gemeinschaft verbunden, um deren charakteristische Lebensart oder Kultur zu schaffen. So haben Hindus einen gemeinsamen Komplex an Glaubensgrundsätzen, Praktiken und Riten, der dazu dient, ihre Lebensart, die sowohl weltliche als auch transzendente Dimensionen hat, zu erleichtern. Der lateinische Ursprung des Begriffs Religion, religare, bedeutet „zusammenbinden" in zweifacher Bedeutung: Das „Zusammenbinden" des „Menschlichen und des Göttlichen" durch eine Religion und das „Zusammenbinden" menschlicher Wesen innerhalb einer religiösen Gemeinschaft.
 
 

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