Gleichzeitig wurde anerkannt, daß es in den religiösen Traditionen der Menschheit eine Dimension gab, die das Weltliche überstieg. Diese Dimension oder Realität erhielt jedoch die verschiedensten Namen. Während Christen die „Einheit mit Gott" anstrebten oder Moslems die „Unterwerfung unter Allah" suchten, trachteten Buddhisten mehr nach dem Erreichen „innerer Erleuchtung und satori", Hindus zielten mehr darauf ab, den „ewigen Atman oder Selbst" zu erkennen und Jainisten trachteten danach, einen „guten Geist" (Mind) zu kultivieren. Die Definition von Religion, die in der modernen Religionswissenschaft entstand, enthielt daher die Anerkennung eines „Jenseits", das breit genug verstanden wurde, um auch jene Religionen einzuschließen, die entweder keine Vorstellung eines „Höchsten Wesens" hatten oder eine solche Idee ausdrücklich unter Hinweis auf ein anderes Konzept des Letztendlichen zurückwiesen. Während jede Religion eine heilige Dimension des Lebens identifiziert, setzt nicht jede Religion das Heilige mit einem „Höchsten Wesen" gleich.

Während das westliche protestantische Christentum den Glauben als zentralen Punkt der Religion besonders betont haben mag, legen andere Richtungen des religiösen Lebens, christliche wie nicht-christliche, mehr Nachdruck auf Praktiken. Im Buddhismus zum Beispiel geht es um die Praktik des achtfachen Pfads als dem Weg der Überwindung des Leidens. Im Hinduismus begegnen wir einem ganzen Weg zum Letztendlichen, wobei das ganze Leben der Praktik (Rajyoga) oder der Arbeit (Karmayoga) gewidmet ist. Praktik ist aber nicht nur Meditation oder Kontemplation oder Handlung, es ist auch Gebet, ethisches Verhalten, familiäre Beziehungen und eine Reihe anderer Praktiken. In allen religiösen Traditionen muß das gesamte Leben ­ in unterschiedlichem Ausmaß ­ in Übereinstimmung mit den Idealen der Religion gelebt werden und in der Praktik zum Ausdruck kommen. Praktik in Übereinstimmung mit den Idealen und ethischen Richtlinien eines bestimmten religiösen Weges wurde daher als weitere Dimension für das Verstehen von Religion betrachtet. Die Praktiken, die wir in religiösen Gemeinschaften und Traditionen beobachten, sind oft rituelle Praktiken.
 

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