Die moderne Religionswissenschaft, die im 19. und 20.
Jahrhundert entstanden ist, muß von den klassischen Disziplinen der
Theologie unterschieden werden. Während es die Aufgabe der Theologie
war, den Glauben einer ganz bestimmten Gemeinschaft zu erklären (der
christlichen, jüdischen, moslemischen, hinduistischen usw.)
im Westen üblicherweise der christlichen befaßte sich
die Religionswissenschaft damit, alle religiösen Phänomene wissenschaftlich
zu beschreiben und zu analysieren. Es war daher eine der ersten Aufgaben
der modernen Disziplin der Religionswissenschaft, die Definition von Religion
von ihrer typischen Gleichsetzung mit dem Christentum zu befreien. Definitionen
von Religion in herkömmlichen Wörterbüchern reflektieren
nach wie vor die Tendenz, Religion generell mit den Eigenschaften des Christentums
oder anderer monotheistischer Glaubensrichtungen gleichzusetzen. Diese
Definitionen deuten oft an, das einzige und zentrale Merkmal einer Religion
sei „der Glaube an ein Höchstes Wesen". Religionswissenschaftler wissen
aber von großen und alten Religionen, die keinen solchen „Glauben
an ein Höchstes Wesen" hatten. Hauptbeispiele dafür sind der
Buddhismus, besonders in den Formen des Therav¯ a da, in denen ein
solcher Glaube ausdrücklich abelehnt wurde, und der Jainismus, der
ebenfalls einen derartigen Glauben ablehnte. Dennoch existieren diese Religionen
seit mehr als 2000 Jahren. Darüberhinaus minimierten konfuzianische
Traditionen das Transzendente und maximierten die Betonung auf korrekte
zwischenmenschliche Beziehungen. Und im Hinduismus traf man auf viele Götter
und Göttinnen nicht nur ein einziges „Höchstes Wesen".
Diese Vorstellung von Gott als einem „Höchstem Wesen" wurde überdies
von den sehr mystisch orientierten Traditionen der monotheistischen Glaubensrichtungen
des Westens häufig kritisiert. Sie bestanden darauf, daß die
Wirklichkeit Gottes solche Vorstellungen übersteigt. Deshalb war es
erforderlich, Religion so zu definieren oder zu verstehen, daß es
der großen Vielfalt religiöser Traditionen gerecht wurde, die
man unter Menschen im Laufe ihrer gesamten Geschichte angetroffen hat.