II. AUFGABENSTELLUNG UND METHODIK

Als Soziologe auf dem Spezialgebiet des Studiums von Religionen wurde ich gebeten, die folgende Frage zu untersuchen: „Ist Scientology eine Religion?" In der Beantwortung dieser Frage nehme ich nicht dazu Stellung, ob Scientology wahr oder falsch ist. Vielmehr untersuche ich, ob Scientology die Kriterien erfüllt, die gewöhnlich in der Definition einer Religion Anwendung finden. Diese Kriterien sind nicht völlig eindeutig: Mehrere Autoren haben verschiedene Definitionen angeboten. Sie reichen von W. G. Runciman 1, der den Begriff gleichbedeutend mit „Ideologie" verwendet, bis hin zu Werner Cohn2, der argumentiert, daß das englische Wort „religion" so vielschichtig und kulturspezifisch sei, daß es nicht angebracht ist, es unter Bezugnahme auf irgendeinen Aspekt nicht-westlicher oder nicht-christianisierter Kulturen zu gebrauchen.

Trotzdem stimmen die meisten Wissenschaftler in diesem Fachgebiet darin überein, daß eine Religion ein System von Überzeugungen und Praktiken ist, das auf einen übernatürlichen, geheiligten oder transzendenten Bezugspunkt ausgerichtet ist. In Übereinstimmung mit diesem Ausgangspunkt kann man verschiedene Merkmale identifizieren, die in vielen, wenn nicht gar in allen anerkannten Religionen zu finden sind. Je mehr dieser Merkmale ein bestimmtes System von Überzeugungen und Praktiken erfüllt, desto eindeutiger kann man es als Religion betrachten.

In der Identifizierung der Charakteristika, die typischerweise in Religionen gefunden werden, folge ich dem System, das von Ninian Smart, einem der führenden Religionswissenschaftler der Welt3, aufgestellt worden ist. Da ich die allgemeinen Charakteristiken dieses Bezugsrahmens schon in einigen meiner früheren Arbeiten4 verwendet habe, benutze ich dieses System nicht nur zum Zweck des vorliegenden Gutachtens.
 
 

~Zurück~  Referencen   ~Weiter~